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Was sieht ein Blinder beim Tauchen?

Nichts. Sichtweite: Null!



Taucher sind ja nicht unbedingt Fans von schlechter Sicht. Zum einen, weil viele nur deshalb tauchen, um die bunte Unterwasserwelt in seiner farbträchtigen Vielfalt zu erleben – zumindest dort, wo sie noch erhalten ist. Zum anderen, weil es sich einfach sicherer taucht, wenn man seinen Buddy in direkter Sichtweite hat. Was also bewegt einen Blinden dazu, zu tauchen?

Wieso tauchen Blinde?

Auf der Suche nach Antworten habe ich Simon Eigeldinger aus Hohenems in Österreich getroffen. Simon, Taucher mit Handicap, ist blind auf die Welt gekommen. Von seiner Blindheit lässt er sich nicht einschränken, im Gegenteil. Sie spornt ihn immer wieder zu neuen Herausforderungen an. Im Interview hat er mir seine „Sichtweise“ erklärt. 

Wieso nicht?

Ich finde es ja allein schon irre, wie anders Blinde – scheinbar - die Welt wahrnehmen. Dass sich das auch auf die Unterwasserwelt bezieht, hätte ich allerdings nicht gedacht. Und so ging unser Gespräch los: 

Ich: Was siehst du unter Wasser? Simon: Nichts.

Na das fängt ja gut an! Blöde Frage, klare Antwort. Nächster Versuch.

Ich: Warum tauchst du? Simon: Weil es Spaß macht!

Okay, Nicole, mit Ironie kommst du hier nicht weiter. Simon kann deine Mimik und das Augenzwinkern nicht sehen. Der muss ja denken, ich hätte meine letzten Interviews für die aktuelle Ausgabe der Gelben Seiten geführt. Wie peinlich ist das denn? Also: alles auf Anfang. 


Foto: handicaptauchen.at
Foto: handicaptauchen.at

 Tauchen soll Spaß machen, das fängt schon bei den Vorbereitungen für den Tauchgang an. Taucher mit Handicap machen es richtig: Sie nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Kein Stress!


Was gibt dir als Taucher mit Sehbehinderung das Tauchen?

Simon: Das Feeling unter Wasser ist einfach unglaublich entspannend. Ich hab‘ es als kleiner Bub schon geliebt, mit den anderen Kindern zu tauchen. Wir haben einfach die Luft angehalten und sind im seichten Wasser bei uns im Alten Rhein abgetaucht. Ich fand das damals schon ein faszinierendes Gefühl. 

Woher wusstest du denn dabei, wo unten und oben ist?

Simon: Blasen steigen auf, oder? 


Foto: handicaptauchen.at
Foto: handicaptauchen.at

 

So strahlt ein blinder Taucher nach seinem ersten TG im Freiwasser! Simon 2015 in seiner Heimat in Vorarlberg.


Upps, da ist es wieder, das Gefühl, heute nur idiotische Fragen zu stellen. Was für Simon selbstverständlich ist, muss ich eben erstmal hinterfragen. Während Taucher ohne Sehbehinderung sich alleine schon am Licht orientieren können, sofern die Bedingungen es zulassen, müssen Blinde sich auf andere Sinne verlassen.

 

Der Geruchsinn scheidet unter Wasser schonmal aus. Vorwärtstasten ist, zumindest im Meer, auch nicht ratsam. Es wird wohl das Ohr sein. Bin gespannt, was Simon sagt.

Was nimmst du beim Tauchen wahr?

Wenn ich ohne oder mit nicht allzu dicker Haube tauche, höre ich das Blubbern von mir und den anderen Tauchern oder wenn ein Boot vorbeifährt. Und wenn man das Glück hat, beim Tauchen auf Delfine zu treffen, dann kann man die schon von Weitem hören.   

Ein Boot und mein eigenes Geblubber höre ich ja auch - aber das Blubbern der anderen?

Ja klar, hast du das noch nicht bemerkt? Daran kann ich auch erkennen, ob andere Taucher in der Nähe sind. Wenn sie aber mehr als ein paar Meter weit weg tauchen, ist es schwierig. Ich höre außerdem nur das Blubbern, weiß aber nicht, wo es blubbert. 

Wie kommunizierst du mit deinem Buddy?

Per Händedruck. Wir tauchen immer auf Armlänge, das kannst du wörtlich nehmen. Ich halte mich an seiner Schulter oder Oberarm fest. Mein Tauchbuddy muss spüren, dass ich meine Hand da liegen habe. Wenn ich zum Beispiel mehrmals auf seine Schulter klopfe, will ich ihm etwas mitteilen. Umgekehrt kann mein Buddy die Finger meiner Hand, die ja auf seinen Schultern liegt, greifen. Wichtig ist, dass wir eine Verbindung haben!

Gibt es einheitliche Zeichen für blinde Taucher?

Das muss jeder für sich ausprobieren, das funktioniert nicht nach Lehrbuch. Es sind ja auch nur ein paar Zeichen: Hilfe, Problem, keine Luft, mir ist kalt, alles gut. Wichtig ist es, die Zeichen vor dem ersten Tauchgang zusammen durchzugehen. 

Welche Hilfestellung braucht ein blinder Taucher?

Gar nicht so viel. Ich bin schon zufrieden, wenn ich unter Wasser bin. Beim Tauchen bin ich kaum eingeschränkt. Ich tauche wie die anderen auch. Mein Buddy übernimmt für mich nur das Sehen. 


Foto: handicaptauchen.at
Foto: handicaptauchen.at

 

Blinde Taucher brauchen nicht viel Hilfe! Sie wollen selbstständig sein.

 

"Mein Buddy übernimmt für mich nur das Sehen unter Wasser." Alles andere erledigt Simon soweit es geht selbst. 


Gibt es Vorschriften?

Da Blinde unter den Handicaptauchern nicht so stark vertreten sind, gibt es keine konkreten Regeln, die nur für uns blinde Taucher gelten. Vorschrift ist, dass immer zwei Tauchbegleiter mit im Wasser sind. Zum Tauchen bräuchten wir das nicht. Wenn allerdings dein Buddy ein Problem hat, braucht es dann schon einen sehenden Taucher, also einen Buddy für deinen Buddy. 

Dir würde auch nur ein Buddy an deiner Seite reichen?

Auf jeden Fall. Einerseits willst du trotz Blindheit selbstständig sein. Und ich habe das Glück, dass meine Eltern mich von Anfang an zu einem selbständigen Leben hin erzogen und motiviert haben. Andererseits musst du halt die Regeln einhalten. 

Tauchst du mit Tauchcomputer?

Ja, klar. Das Ablesen beim Tauchgang übernimmt mein Buddy. Da vertraue ich ihm. Aber ein paar wage Infos kann ich selbst über den Wasserdruck einschätzen. 

Wie das?

Am veränderten Druck im Ohr merke ich, ob ich auf- oder abtauche. Somit weiß ich sofort, wenn ich zu schnell auftauche. Wenn es zu schnell wird, knackst es hinter dem Ohr.

Woran erkennst du, wie tief du tauchst?

Die Wassertiefe schätze ich im Ohr ab. Am Blubbern höre ich, wie tief ich bin. Es klingt nämlich anders, je tiefer du tauchst. Von 0 bis 10 m hört es sich normal an, zwischen 10 und 20 m klingt es hohl und bei etwas 20 bis 30 m klirrt es, als würde man Glas brechen. 


Foto: handicaptauchen.de
Foto: handicaptauchen.de

 

"Am Blubbern kann ich abschätzen, wie tief ich bin."

 

Tauchen mit Sehbehinderung klappt, nur anders!


Hast du keine Angst beim Tauchen?

Nein, Angst habe ich nicht. Nur einmal habe ich mich doch etwas unwohl gefühlt, als ich beim Tauchen eine gut gefüllte Bleitasche verloren habe. Mein Buddy hatte das nicht gleich gemerkt und ich habe immer wieder auf das Loch in meinem Jacket gezeigt, wo eigentlich die Bleitasche sein sollte. Wir haben es aber trotzdem gemeinsam geschafft, den Tauchgang kontrolliert zu Ende zu bringen.

Wo sind deine Grenzen?

Wenn du an der Schulter deines Buddys hängst, hast du nicht viel Spielraum, nur eine Armlänge nach oben oder unten. Man könnte auch eine Buddy-Line verwenden, da hätten wir mehr Freiraum. Ich finde aber die direkte Nähe zu meinem Divebuddy sinnvoll. Somit weiß ich genau, was mein Buddy macht und falls er ein Problem hat, merke ich das sofort. 

Was rätst du anderen Blinden?

Taucht!

Welche Voraussetzungen sollten Taucher mit Sehbehinderung mitbringen?

Ruhig sein. Du musst Vertrauen haben zu deinem Buddy. Aber denk immer daran: dein Buddy vertraut auch dir, also bau keinen Mist unter Wasser und werd' nicht übermütig.

Passiert dir das manchmal?

Ich liebe zwar Herausforderungen und schaue gerne, wie weit ich gehen kann. Ich bin aber auch auf Sicherheit bedacht! Dank meiner Menschenkenntnis spüre ich sofort, ob mit einem Divebuddy auch längere Tauchgänge möglich sind.

Also sich erstmal mit dem Buddy vertraut machen?

Ich bestehe immer auf einem kurzen Check-Dive! Nicht nur für mich, sondern auch für die Tauchbegleiter. So können beide Seiten ausprobieren, miteinander zu kommunizieren und herausfinden, ob etwas nicht gefällt, ob etwas fehlt, was wir Handicpas brauchen. Die Kommunikation muss stimmen, und zwar unter und über Wasser! Aber dafür sind wir ja ausgebildet.


 

"Ich finde die direkte Nähe zu meinen Buddy sinnvoll. Man könnte auch mit einer Buddy-Line tauchen. Wichtig ist, dass wir in Verbindung bleiben!"

 

Simon, erfahrener Taucher mit Sehbehinderung


Was war bisher dein Highlight beim Tauchen?

Unsere Reise nach Ägypten im vergangenen November. Drei Handicaps beim Tauchen: ein Blinder, ein Querschnittgelähmter und einer mit Parkinson. Auch wenn uns vorher alle für verrückt erklärt hatten. Wir haben es geschafft! Und für unsere Tauchbegleiter vor Ort waren es mal sehr entspannte Tauchgänge. Mit uns hatten die sozusagen Urlaub.

Auf deinem Blog „Osicht“ schreibst du detailliert Tauchgang für Tauchgang auf. Was motiviert dich dazu?

Mein Blog ist mein Logbuch. Papier ist halt nichts für mich. Weil ich aber trotzdem ein Tauchbuch führen will, dachte ich mir: Mach einen Blog. Da kann ich und jeder, der mag, meine geloggten Tauchgänge nachlesen und sehen, was alles möglich ist. 

Du könntest ja deine Tauchdaten auch nur digital loggen.

Mein Tauchcomputer dient mir als Blackbox und Datenlogger. Ich logge die Tauchgangsdaten digital, indem ich sie jeweils unter den Blogeintrag anfüge. Zudem wird das Tauchprofil abgespeichert. Mein (B)Logbuch ist somit auch für die anderen da. Die schreiben da gerne mal ab. Einen Stempel habe ich übrigens auch.

Danke für das tolle Gespräch! Und bring den Stempel mit, wenn wir gemeinsam abtauchen.


Vorher mache ich aber noch den Adaptive Diver Buddy-Kurs. Denn Taucher mit Handicap brauchen Helfer! Und ich will nicht einfach nur darüber schreiben, sondern einfach machen! Verfolge meinen Blog und begleite mich dabei, wie ich mich zum Divebuddy für Taucher mit Handicap ausbilden lasse.  

Auch du kannst helfen!

  • Du willst Taucher mit körperlichen Einschränkungen unter Wasser begleiten? Dann lass dich doch auch zum Adaptive Dive Buddy ausbilden – so wie ich! 
  • Du hast eine Sehbehinderung und willst Tauchen wie Simon? Nur Mut! Das schaffst Du! 

Tauchen mit Handicap - wo, wer, was?

Wer bildet Taucher mit Handicap aus? Wer bietet Adaptive Diver Kurse an? Wo sind ausgebildete Buddys für Taucher mit Behinderung? All das werde ich immer wieder gefragt. Leider habe ich noch keine Übersicht mit allen Tauchschulen und Vereinen gefunden, die das Tauchen mit Handicap und Kurse rund ums Handicaptauchen anbieten. Also habe ich beschlossen, eine solche zu erstellen. Das schaffe ich aber nicht alleine, sondern nur mit eurer Hilfe.

Kennst du eine Tauchschule, die Handicaptauchen und Kurse (Padiadaptive, HSA, DDI, IDDA etc.) anbietet?

Schreibe in den Kommentar oder kontaktiere mich direkt. Danke!

Tauche mir nach auf Instagramm #tauchenmithandicap

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Kommentare: 2
  • #1

    Annette (Dienstag, 22 Februar 2022 13:25)

    Liebe Nicole, auch als Nicht-Taucherin finde ich deinen Blog sehr spannend! Interessante Themen, Interviewpartner, sehr kurzweilig von dir gestaltet. Ich finde man kann ruhig mal über den Tellerrand blicken und Neues kennlernen. Du inspirierst dazu!

  • #2

    Ute (Dienstag, 01 März 2022 17:54)

    Hallo liebe Nicole,
    mir geht es wie Annette, obwohl ich nicht tauche und selbst schnorcheln mir schon einen gewissen Mut abverlangt, finde ich deinen Blog voll interessant! Ich finde die Unterwasserwelt wunderschön und bewundere alle Menschen, die sich überhaupt und zudem mit Handicap in diese tolle Welt vorwagen. Weiterhin viel Spaß und Erfolg mit deinem Blog!