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Taucher brauchen keine Beine

... aber manche Taucher brauchen Helfer!

Welch‘ besondere Menschen ich bereits kennenlernen durfte, seit ich meinen Blog „Tauchen mit Handicap“ gestartet habe. Einfach tolle Persönlichkeiten! Eine davon ist Gundi. Mit ihr habe ich über Hindernisse geredet und warum es sich lohnt, diese zu überwinden. 

Gundi Friedrich ist eine Macherin, die nicht lockerlässt und für ihre Ziele alles gibt. Eine, die sich für Menschen mit Behinderung einsetzt. Eine, die für das Tauchen mit oder ohne Handicap brennt. Die weiß, was Taucher mit Einschränkungen brauchen: Helfer! Und deshalb muss ich euch unbedingt von Gundi erzählen. Taucht mit ab in ihre Story….


Hurghada 2018, handicaptauchen.at
Hurghada 2018, handicaptauchen.at

 

„Jeder, der tauchtauglich ist, kann tauchen. Auch Menschen mit Behinderung.

 

Gundi Friedrich, HSA-Instructor


Gundi’s Element ist seit jeher das Wasser. „Geht gar nicht anders, wenn du in Schweden am Wasser geboren bist“, erzählt sie mir lachend. Sie ist also schon quasi mit Kiemen und Schwimmhäuten auf die Welt gekommen, am und im Wasser aufgewachsen und war schon früh im Wettkampfsport Schwimmen aktiv. 

Wahrscheinlich kommt daher auch der „Biss“, mit dem Gundi ihre Ziele verfolgt. Und das ist gut so, denn die engagierte Physiotherapeutin setzt sich unermüdlich für Menschen mit Behinderung ein. Gemeinsam mit vier Tauchkollegen hat sie - trotz zahlreicher Hindernisse - den Handicaptauchclub Vorarlberg (HTCV) gegründet.

Ich habe Gundi gefragt, was sie antreibt. Ihre Antworten findest du hier im Interview. 


Gundi, was hat dich dazu bewegt, einen Handicaptauchclub zu gründen?

Ich finde: Jeder, der tauchtauglich ist, kann tauchen, auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Unter Wasser sind wir alle gleich. Jeder Taucher, egal ob mit oder ohne Behinderung, braucht eine Tauchflasche und ist auf eine Zeichensprache angewiesen.

Gundi: „Unter Wasser sind wir alle gleich.“

Außerdem hat das Handicap-Tauchen einen enormen therapeutischen Wert. Daher wollte ich dazu beitragen, das Tauchen mit Handicap rund um den Bodensee möglich zu machen.

Du engagierst dich sehr für Menschen mit Einschränkungen. Was war da der Auslöser?

Mit 16 wurde ich von meinem Schwimmverein gefragt, ob ich körperlich und geistig behinderte Kinder im Wasser trainieren könnte. Mich hat das fasziniert! Und das habe ich dann gemacht. Später habe ich eine Zeit lang als Stewardess gearbeitet. In meiner Freizeit, damals in Frankfurt, wollte ich gerne Schwimmtraining für behinderte Kinder anbieten. Das durfte ich aber nicht. 

Wieso nicht?

Ich musste eine entsprechende Ausbildung vorweisen: entweder Physiotherapeutin oder Sportlehrerin. Also machte ich die Physio-Ausbildung – nach meiner ersten Ausbildung zur Arzthelferin und der zweiten zur OP-Assistentin.

Anderen zu helfen liegt dir also sehr am Herzen. Wie bist du überhaupt zum Tauchen gekommen?

Eher zufällig. Zu meinem 35. Geburtstag habe ich einen Gutschein für die Tauchausbildung geschenkt bekommen. Also machte ich meinen ersten Tauchschein. Durch das Schwimmtraining mit den behinderten Kindern weiß ich, wie gut ihnen Bewegung im Wasser tut. Mit der Zeit ist der Wunsch gewachsen, Menschen mit Behinderung das Tauchen beizubringen. 


Soma Bay 2017, handicaptauchen.at
Soma Bay 2017, handicaptauchen.at

Tauchen ohne Sicht - auch das geht. "Blindes" Vertrauen, direkte Nähe zum Buddy und eine spezielle Zeichensprache mit Klopfen und Berührung ermöglichen es auch Menschen mit Sehbehinderung, schwerelos unter Wasser zu schweben.


2007 habe ich meine Ausbildung zum HSA Dive Buddy und HSA Instructor in Graz bei Ronnie Vala gemacht, ein Jahr später den CMAS-Tauchlehrer. Im Jahre 2009 hielt ich, zusammen mit der Neurologin und Tauchmedizinerin Dr. Tanja Haydn, einen Vortrag vor 40 Personen. Wir wollten vor allem zeigen, dass Handicaptauchen einen enormen therapeutischen Wert hat. 

Wie war die Resonanz auf den Vortrag?

Daraus ergab sich ein Riesenevent: Schnuppertauchen mit zwölf Handicaps, vor allem Gehörlose und drei Menschen mit Querschnittlähmung. 2010 startete ich schließlich mit der ersten HSA Ausbildung von sechs Personen. 

Wie kam die Idee, einen Verein für Handicaptaucher zu gründen?

Eigentlich wollte ich das Tauchen für Behinderte im meinem alten Tauchverein aufbauen, wo ich bereits 15 Jahre lang aktives Mitglied war. Von Anfang an war ich zuständig für die Jugend und das Medizinische. Dort ließ sich das aber nicht integrieren, der Aufwand schien zu groß. Für mich war dann klar: Wenn die nicht mitziehen, dann gründe ich halt einen eigenen Verein. 

Gesagt – getan

Ich musste zwar einige Hürden meistern, aber letztlich haben wir es geschafft! Gemeinsam mit vier Tauchkollegen und einem Handicap haben wir im Dezember 2011 den Handicaptauchclub Vorarlberg gegründet. Aber ohne das Engagement und die Unterstützung von meinen Kollegen und meiner Familie wäre es nicht gegangen.

Gundi: „Jeder, der möchte, sollte die Möglichkeit haben, zu tauchen.“ 

Inzwischen hat unser Verein 70 Mitglieder, davon 30 Taucher und hiervon sind zwölf mit diversen Handicaps, wie zum Beispiel Querschnittlähmung, blind, Politraumatiker, Diabetes, Spastiker, Amputierte.

Wie viel Hilfe braucht ein Taucher mit Handicap?

So viel, wie er dir erlaubt, ihm zu geben. Es kommt natürlich auch auf die Einschränkungen an. Aber ganz wichtig ist immer, zuerst zu fragen: Kann ich dir helfen? Wie kann ich dir helfen? 

Frage, bevor du etwas tust. Warum ist das so wichtig?

Weil jeder Taucher, jede Taucherin, mit oder ohne Behinderung, so selbstständig wie möglich sein will – und soll! Sie zeigen das auch gerne, mit Stolz und zu Recht, was sie alleine schaffen. Selbst wenn es viel länger dauert, bis das Tauchgerät  zusammengebaut ist, bis der oder diejenige angezogen und im Wasser ist. Du musst die Geduld haben, zu warten!

Brauchen Taucher Beine? Nein, aber Helfer!

Hilfestellung und Geduld – was braucht es noch?

Flexibilität. Du musst dich, wie übrigens auch bei gesunden Tauchern, jedes mal neu einstellen. Jede Behinderung erfordert eine andere Sichtweise der Tauchtechnik. Zum Beispiel, wie kann man beim Anziehen helfen, zum Gewässer begleiten, ins Wasser ein- und nach dem Tauchen wieder aussteigen. Und dann natürlich auch beim Tauchen selbst. 

Die Tauchtechnik ist also nicht immer gleich?

Keinesfalls. Einmal hatte ich einen Taucher, der nur stehend tauchen konnte, weil sonst die Platte in seinem Rücken gestört hätte. Also haben wir darauf geachtet, dass er in dieser Position immer gut austariert war und er sich dann selbständig schwimmend vorwärts bewegen konnte.

Und wie sieht es mit Hilfe außerhalb des Wassers aus?

Du brauchst viele Oberflächenhelfer. Du selbst musst ja vollständig angezogen und tauchbereit sein, bevor dein Handicap angezogen ist. Und da bist du froh um jede helfende Hand. Wenn du mit einem Handicaptaucher im Wasser bist, brauchst du an Land Helfer, die dir zum Beispiel mal noch Blei reichen. 

Sind das dann alles speziell ausgebildete Tauchbegleiter?

Nein, die Buddies an der Oberfläche müssen nicht unbedingt Taucher sein. Wir brauchen ja auch Safetybuddies an Land oder auf dem Boot, falls eine Rettungskette notwendig ist. Einige Handicaptaucher kommen in Begleitung von Freunden oder Verwandten, andere kommen gemeinsam mit sogenannten Freizeithelfern. 

Tauchen mit Handicap macht erfinderisch

Gundi, wo sind deine Grenzen beim Handicaptauchen?

Der Tauchschüler muss den theoretischen Teil der Ausbildung verstehen und mit einer Prüfung bestehen. Ist das Verständnis für das „Leben unter Wasser und in der Tiefe“ nicht vorhanden, so ist das für mich ein Ausschlussgrund. Das gilt ebenso für Menschen mit Epilepsie, da Anfälle unkontrolliert auftreten können. 

Gibt es weitere Vorgaben?

Wer tauchen will, ob mit oder ohne Behinderung, muss sich zuerst gründlich auf seine Tauchtauglichkeit untersuchen lassen. 

Das sollte für jeden Taucher selbstverständlich sein. Wieso ist dir das so wichtig?

Ich muss ja auch wissen, welche Auswirkungen zum Beispiel Medikamente haben könnten. Hier erfahre ich große Unterstützung vom Tauchmediziner Dr. Frank Hartig von der Innsbrucker Uniklinik. Er klärt mich über die möglichen Auswirkungen von verschiedenen Medikamenten in der Tiefe auf.

Wie ist es für dich, mit Menschen mit Handicap zu tauchen?

Wunderbar! Natürlich bist du zu 100 Prozent bei deinem Tauchpartner. Du bist sehr aufmerksam und gibst alles, damit es ein guter Tauchgang wird. Das fordert mich am Anfang schon sehr. 

 

„Die Entspannung kommt dann, wenn das Schweben beginnt.“

Der Entspannungsfaktor kommt dann, wenn alles gut austariert ist und das Schweben beginnt. Wenn ich spüre, dass „mein“ Tauchpartner, „meine“ Tauchpartnerin nicht von mir abhängig ist und das macht, wie es für ihn oder sie am besten geht. 

Tauchen Taucher mit Behinderung anders?

Einmal tauchte mein gehörloser Tauchbuddy immer auf der Seite. Ich fragte mit Zeichensprache ob alles ok ist und bekam die Antwort: „Ja, alles super!“ Da musste ich dann dazu lernen. Die „normale Schwimmlage“, wie man sie kennt, ist eben nicht für jeden die ideale Lage und so muss man sich eben anpassen. Das macht mir Spaß und fordert mich natürlich immer wieder auch.


 

„In unserem Verein gibt es zwei Leitlinien: kein Stress und gegenseitige Hilfe!“

 

Gundi Friedrich, HSA-Instructor & Mitbegründerin Handicaptauchclub Vorarlberg (HCTV)


Wer kann bei euch die Ausbildung zum HSA-Dive-Buddy machen?

Jeder Taucher ab 16, der sich dafür interessiert. 36 Tauchgänge in den letzten 24 Monaten sind Vorschrift. Zudem CMAS, PADI AOWD, gleichwertig oder höher. Ich finde außerdem, man sollte schon mindestens zwei Jahre Taucherfahrung mitbringen. Und wie schon gesagt: jede Menge Geduld, denn beim Handicaptauchen geht alles sehr langsam.

Wie geht es bei dir weiter?

Eines meiner Ziele ist es, am Bodensee länderübergreifend Handicaptauchen auf die Beine zu stellen. Mit einigen Schweizer Vereinen sind wir bereits im Austausch, auch mit dem Schweizer Paraplegiker-Zentrum. Die deutsche Seite ist noch etwas unterbesetzt…

Dein größter Wunsch?

Diese Art von Tauchen unter den Sporttauchern bekannter zu machen. Wir haben immer Bedarf an fähigen Taucherinnen und Tauchern, die sich dieser Aufgabe stellen und diesen unglaublich tollen Sport gemeinsam mit Menschen teilen möchten, die im Alltag meistens an Barrieren stoßen. Ganz nach dem Motto: „Gemeinsam schweben wie Blätter im Wind“. 

Danke, liebe Gundi, für dein Engagement und für deine Zeit, darüber zu reden.


Du möchtest mehr über Gundi und den HTCV wissen oder direkt Kontakt aufnehmen? Dann schwebe einfach durch die Seiten!

Mich hat Gundi sehr inspiriert und darin bestärkt, mit meinem Blog Tauchen mit Handicap genau auf dem richtigen Weg zu sein. Die Termine für meinen Dive Buddy-Kurs mit Mia stehen inzwischen auch schon fest: Ende April geht's in den Pool und Ende Juni ins Freiwasser. Aber davor habe ich noch ein paar andere Stories für euch...  

 

Eure Nicole

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