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Tauchen mit MS

Birgit: MS habe ich seit 1986. Damals war ich 18, jetzt bin ich 54 und Tauchen ist immer noch mein absoluter schwereloser Traum.

Es ist kein Zufall, dass ich heute mein Interview mit Birgit poste. Heute ist Welt-MS-Tag. Und statt die unzähligen Facetten unserer Krankheit mit den 1.000 Gesichtern zu zeigen, stelle ich euch lieber ein Gesicht vor: Birgit Karetta, 54, aus St. Valentin in Niederösterreich, Taucherin mit MS. So hat Birgit auf mein Herzensprojekt „Tauchen mit Handicap“ reagiert: 

Birgit Karetta mit Caretta Caretta in Ägypten, Foto: Wolfgang Kruder
Birgit Karetta mit Caretta Caretta in Ägypten, Foto: Wolfgang Kruder

„Tauchen mit MS funktioniert super. Früher war ich auch gerne Skifahren und Wandern. Das geht leider nicht mehr, aber zum Glück habe ich seit 2005 auch meinen Tauchschein und inzwischen fast 500 Tauchgänge.“

Birgit Karetta, Taucherin mit MS

Es sind genau solche Mut machenden, inspirierenden Worte, die mich immer wieder anspornen, das Tauchen mit Handicap mehr in die Öffentlichkeit zu rücken. Denn es ist so viel möglich, auch mit der Diagnose MS! 

Birgit, wann hast du das Tauchen für dich entdeckt?

Ich wollte immer schon tauchen – wie meine Eltern. Als Kind durfte ich aber nur schnorcheln. Erst viele Jahre später, 2005, habe ich zufällig in unserem Stammlokal einen Tauchlehrer kennengelernt. Er musste mich nicht lange überzeugen, das Tauchen mal auszuprobieren.

Also erstmal schnuppern?

Genau, und gleich nach dem Schnuppertauchen habe mein Mann und ich dann in Oberösterreich den Tauchschein gemacht. Kurz darauf sind wir zu unserem ersten Tauchurlaub nach Ägypten.

Tauchen mit MS. Ging das gut?

Da war ich trotz MS noch sehr fit. Man hatte mir damals nichts angesehen. Ich habe mich gut und gesund gefühlt, überhaupt nicht krank. Ich konnte alles machen und habe auch selbst meine Flaschen geschleppt. Wenn etwas auffiel, dann nur mein komischer Gang mit den schweren Flaschen.

Hattest du da bereits Einschränkungen durch die MS?

28 Jahre ging es gut und ich hatte so gut wie keine Einschränkungen. Stundenlang in der Sonne braten kam für mich nie in Frage. Und natürlich habe ich versucht, Stress zu vermeiden. Positiver Stress hat mir allerdings nie etwas ausgemacht. Ich esse und trinke, was mir schmeckt, in Maßen natürlich, habe 20 Jahre lang Avonex gespritzt und denke immer positiv. 

Und heute?

Erst seit etwa fünf, sechs Jahren habe ich Probleme beim Gehen. Mit Walking Stöcken gehe ich fast täglich eine kleine Runde, etwa 500 bis 800 m ohne Pause. Habe auch schon einen Rollator zu Hause, den ich aber sehr selten benutze. Zudem habe ich Blasenprobleme, d.h. ich muss selbst kathetern, was aber für mich absolut kein Problem ist.

Tauchst du weiterhin?

Tauchen geht auch jetzt noch sehr gut. Auch wenn man irgendwann mal im Rollstuhl sitzt kann man tauchen! Zum Glück gibt es viele barrierefreie Tauchbasen weltweit! Nach einem Tauchgang kann ich aber nicht besonders gut gehen und brauche eine längere Pause.

Baja California, Mexiko, Foto: Wolfgang Kruder
Baja California, Mexiko, Foto: Wolfgang Kruder

"Gott sei Dank habe ich mit dem Tauchen rechtzeitig angefangen."

Birgit Karetta, hier mit den kleinen Seelöwen, "die überall reinbeißen, an den Haaren ziehen und alles haben wollen. Ein absolutes Highlight für uns!"

Was hat sich beim Tauchen für dich verändert?

Ich brauche mehr Hilfe, ziehe das Jacket erst im Wasser an. Lange Wege vom Strand bis ins Wasser schaffe ich nicht mehr. Am liebsten tauche ich eh vom Boot.

Suchst du dir jetzt Divecenter aus, die speziell auf Taucher mit Handicap ausgerichtet sind?

Wir waren im Süden von Ägypten zum Tauchen in einer barrierefreien Tauchbasis (ORCA Dive Club). Dort haben sie mich mit dem Rolli den Steg rauf und wieder unter gefahren. 

Was macht für dich einen guten Buddy aus?

Wie viele Tauchgänge er hat und wo er Tauchen gelernt hat. Wenn ich kein gutes Gefühl habe, tauch ich lieber nicht. Mein liebster Buddy ist mein Mann, der leider aus gesundheitlichen Gründen momentan nicht tauchen kann. Wir sind ein eingespieltes Team, das ist mir das Liebste. 

Baja California, Mexiko, Foto: Wolfgang Kruder
Baja California, Mexiko, Foto: Wolfgang Kruder

"Im Wasser bin ich nicht behindert! Die Schwerelosigkeit ist angenehm, ich kann mich fallen lassen. Unterwasser, in der Zauberwelt, ist der ganze Stress weg."

Kennst du andere Taucher mit Handicap?

Einmal war in unserer Tauchgruppe ein Taucher mit nur einem Bein – der war super! Du hast keinen Unterschied gemerkt, der war flotter unterwegs als wir mit zwei Beinen.

Würdest du anderen mit körperlichen Einschränkungen empfehlen zu tauchen?

Auf alle Fälle! Tauchen ist der beste Sport, denn im Wasser bist du nicht behindert. Allerdings sollte man keine Scheu vorm Wasser haben.

Wie hältst du dich über Wasser fit?

Ich gehe 2-3 mal wöchentlich ins Fitnessstudio, mache regelmäßig Physiotherapie und 1 mal jährlich Reha und natürlich meine kleine Spazierrunde, wenn das Wetter passt. Früher mit Bogenschießen.

Bogenschießen?

Ja, Bogenschießen ist gerade bei MS ganz gut: Koordination, Entspannung, du bist viel draußen. Idealerweise auf einem barrierefreien Parcours. Als ich noch ohne Probleme auf Waldboden gehen konnte haben wir das mit Wandern verbunden und irrsinnig gerne Turniere geschossen.

Liebe Birgit, vielen Dank für deine motivierenden Worte. Vielleicht können wir ja mal gemeinsam abtauchen, MS verbindet!


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