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MS, Corona, Tauchen - jetzt erst recht!

Anfang Juli habe ich eine Mail erhalten - von Siggi. Mit seinen Worten hat er bei mir voll ins Schwarze getroffen. Ja, ich gebe zu, ich bin über die Maße neugierig. Das passt auch so, bin ja schließlich Journalistin und Porträts über Menschen sind mein Steckenpferd. Da schadet Neugierde nicht. Noch dazu hat Siggi ebenfalls MS und, tja.... lies selbst.

Tauchtauglichkeit hat FAST geklappt. Was war da los?

"Hey, Ich habe in guten Zeiten meinen DLRG Rettungstaucher und **CMAS gemacht. 2014 dann die Diagnose MS, bis kurz vor Corona noch nur mit kleinen Einschränkungen. Jetzt leider größere Probleme beim Laufen. Da ich endlich wieder mal tauchen will, habe ich versucht meine Tauchtauglichkeit, zu bekommen.

 

Hat fast geklappt. Maximale Tiefe 15m und persönliche Assistenz. Suche nach Reiseziel, gefunden Camel Dive und Hotel im Sinai Ägypten. Bin von deinem Blog angetan und hoffe dir dann  in 2 bis 3 Monaten von einem erfolgreichen Tauchurlaub berichten zu können. Liebe Grüße vom Bodensee, Siggi"

Erfahrener Taucher - und plötzlich klappt nichts mehr

Umgehend habe ich reagiert und Siggi gefragt, ob er seine Geschichte hier auf meinem Blog teilen möchte. Siggi wollte. Und so haben wir vereinbart, dass wir in Kontakt bleiben. Was es mit der Tiefenbeschränkung und der Assistenz beim Tauchen auf sich hatte, wollte er mir dann alles noch erklären. Einen Tag vor seiner Abreise hat mich Siggi dann noch auf den neuesten Stand gebracht: 

"Der erste Test-Tauchgang  im Bodensee war nicht so prickelnd. 1,5 Jahre nicht getaucht, dazu kam Corona. Der Flossenvortrieb hat dann schon nicht mehr so gut funktioniert. Auch mit der Tarierung hatte ich Schwierigkeiten. Erst nach dem richtigen Ausprobieren im Becken, die Bleimenge und Verteilung zu finden, klappte es wieder besser. So habe ich mich von meinem geliebten Doppelgerät getrennt und nehme jetzt je 1 kg Fußblei mit nach Ägypten." 

"Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen." (John Lennon)

Vom Taucharzt wurde Siggi dazu verpflichtet, mit Assistenz zu tauchen, nicht tiefer als 15 m. Aus Sicherheitsgründen für ihn und seinen Buddy. Wie es ihm beim Tauchen im Roten Meer mit diesen Einschränkungen ging, hat er mir bei unserem persönlichen Treffen, zusammen mit seiner Tochter Roxana, auf der Tauchmesse Interdive erzählt.

Tauchen mit Handicap - 10 Männer und 1 Rolli

Der ursprüngliche Plan für Ägypten war: Meine beiden Töchter wechseln sich ab, mich beim Tauchen an der Flasche zu halten. Wir haben es aber dann anders gemacht, da ich ja einen Guide brauchte, wie der Taucharzt es vorgeschrieben hatte.

 

Letztlich war das super so, denn wir hatten ja den privaten Guide jeweils für drei Tauchgänge am Tag. Somit konnten sich meine Töchter beim Tauchen auch mal nur um sich, statt auch um nicht kümmern. Und den 3. TG haben sie dann zusammen mit dem Guide gemacht, für mich wäre das zu viel gewesen. 

 

Das Motto war immer: Wir schaffen das irgendwie!

Sharm el Sheikh ist im Moment eine einzige Baustelle auf der 24 h, 7 Tage gearbeitet wird. Durch die Baustellen wurde mein Rollstuhl ganz schön beansprucht: lose und verlorene Schrauben, sogar ein Rad hat einen Achter bekommen, der war jetzt in Reparatur. Bis zum Tauchdeck wurde ich begleitet und aufs Boot ging es dann über eine Stufe. Eigentlich haben die einen absenkbaren Jetty, der ist aber zurzeit im Umbau. Das Motto war immer: „Wir schaffen das irgendwie.“ 

Der erste Guide hat mir einen Hosenträger-Bleigurt vermacht, irgendwie zusammen fixiert und die ganze Konstruktion mehrmals geändert. Somit war ich unter Wasser immer in einer ganz komischen Lage. Dann kam Mohamed! Bei ihm hatte ich nur einen Bleigurt an, das war für mich viel angenehmer. 

 

Das Tauchen war anders. Ich bin durchs Riff geschoben worden. Ich hatte kaum Luftverbrauch, mein Guide hingegen hatte fast die Flasche leer. Beim zweiten Tauchgang wurde ich nur geschoben. Ich hatte Miniflossen an und durfte ein bisschen mitpaddeln.

"Das Wichtigste aber: Ich hatte 16 schöne Tauchgänge."

Siggi Moser

 


Siggi ist **CMAS und DLRG Rettungstaucher mit mehr als 700 TG. Seinen beiden Töchtern Roxana (Roxy) und Ramona hat er schon früh das Tauchen beigebracht. „Mit einer 4-Liter-Flasche und einem kleinen Jacket dazu", sagt er schmunzelnd. Die 28-jährige Roxana (Roxy), inzwischen *CMAS Taucherin, erinnert sich gerne an die Zeit zurück: "Ich konnte eher Flossen anziehen als Schuhe binden."

Tauchen mit Behinderung beim Camel Dive Club, Sharm El Sheikh

Jetzt sollte es also ein gemeinsamer Tauchurlaub in Ägypten sein. Gar nicht so einfach, da etwas geeignetes für Taucher mit Behinderung zu finden, wie mir Roxy erzählt: "Ich habe viele Tauchbasen angeschrieben, teils habe ich gar keine Antwort erhalten. Durch Zufall haben wir Camel Dive gefunden und dann weiter gesucht, welcher Anbieter das im Programm hat. Beim Orca Reisebüro in Augsburg haben wir angefragt und die haben dann alles für uns gebucht." 

"Den Papa so strahlen zu sehen, war das Schönste überhaupt. Ich war positiv überrascht."

Roxana Moser 

Genau das sind die Worte, die mich in meiner Mission, das Tauchen mit Handicap voran zu bringen, bestärken. Ich will hier eine Plattform mit Informationen schaffen für alle, die mit einer Behinderung tauchen möchten, aber nicht wissen wo, wie und was überhaupt möglich ist. Ich will es so einfach wie möglich machen, um mit wenigen Klicks Tauchbasen zu finden. Da ich das nicht alleine schaffe, brauche ich die Hilfe der Tauch-Community.  Kennst du Tauchbasen weltweit, wo Taucher mit Behinderung entsprechende Unterstützung finden? Dann schicke mir eine Mail 


Die Begegnung mit Siggi und Roxy hat mich, wie gesagt, sehr berührt. Auch die enge Bande zwischen Vater und Tochter konnte ich förmlich spüren. So ist das wohl in der gesamten Familie. Schon früher, so erzählt mir Siggi, hat er Tauchurlaube mit seinen Töchtern unternommen, "mal mit der einen, mal mit der anderen.“ Das Tauch-Gen hat er wohl seinen Töchter vererbt: Auch die 32-jährige Ramona ist **CMAS und DLRG Einsatztaucherin. Seine Frau aber "bleibt lieber mit dem Kopf über Wasser", erzählt mir Siggi. Als Messtechnik-Ingenieur hat er die halbe Welt bereist, jetzt ist der 63-Jährige in Rente. Zeit verbringt er gerne beim Tüfteln. "Ich bastel gerne", sagt Siggi und Roxy setzt lachend noch obendrauf: „Früher hat er sogar unsere Tauchlampen im Keller gebastelt.“

Wann wurde bei dir Multiple Sklerose diagnostiziert?

"Auf die Suche bin ich ab 2012 gegangen. Meine Frau hatte schon vorher festgestellt, dass ich nachts immer mal gegen den Türpfosten geknallt bin. Ich selbst hab' da schon auch gemerkt, dass ich schlechter sehe oder sich alles dreht. Als ich dann die Augen geschlossen habe und es sich weitergedreht hat.... wurde mir klar, dass etwas nicht stimmte. Aber vieles hat sich dann erstmal automatisch reguliert. Man kann sich auf alles einstellen. 2014 wurde dann MS festgestellt.

Bis Corona konnte ich noch laufen. Letztes Jahr war ich wegen Corona 14 Tage im Krankenhaus. Seitdem bin ich nicht mehr sicher genug auf den Beinen, um nur mit Stöcken zu gehen. Seitdem habe ich mich einfach zu wenig bewegt. Sonst war ich immer auch schwimmen, bis Corona eben. So langsam will ich das aber wieder reaktivieren."  

"Wenn andere sagen, das schaffst du eh nicht, dann packt mich der Ehrgeiz. Euch beweis ich, dass ich das noch kann."

Siggi Moser

Was für eine starke Persönlichkeit! Zum Abschluss noch ein paar schnelle Fragen zum Tauchen an Siggi:  

  • Dein Traum-Tauchziel? "Mein größter Wunsch wäre es, einmal im Great Barrier Reef zu tauchen."
  • Worum geht es dir beim Tauchen? "Meine Devise: Ich bin da um zu tauchen, gar nicht, um etwas Besonderes zu sehen. Schön ist es eh nur die ersten 15 Meter."
  • Was hat dir beim Tauchen in Ägypten am besten gefallen? "Die vielen kleinen bunten Fische. Die Erlebnisse kamen aus dem Nichts heraus. Wie der Walhai."

Es war einfach toll, Siggi und Roxy zu treffen. Für mich war das ein sehr emotionales Interview - denn zum einen berührt es mich total, wie schnell die MS - bei Siggi wohl zusätzlich forciert durch Corona - voranschreiten kann. Ja, es macht mir Angst, ich gebe es zu.

 

Zum anderen ist es einfach toll zu sehen, welche Möglichkeiten es trotzdem gibt, zu tauchen. Auch mit fortschreitender Behinderung! Was alles geht, wenn man nur will. Und als mir Roxy selbst mit strahlenden Augen gesagt hat, wie schön es für sie war, ihren Papa so glücklich zu sehen... muss ich mehr dazu sagen? 

 

Danke für das offene, Mut machende Gespräch! Ich wünsche euch von ganzem Herzen noch viele wundervolle Tauchgänge!


Jede Geschichte über Taucher mit Handicap, über die ich hier in meinem Blog schreiben darf, ist anders und für mich immer sehr bewegend. Es wird weitere Stories geben über Taucher mit Behinderung, außerdem will ich aus der Liste eine interaktive Karte machen, um mit wenigen Klicks ganz einfach Anbieter für Adaptive Diving zu finden. 

 

Was mir hier im Blog außerdem noch fehlt, sind medizinische Fakten sowie die Themen Tauchen als Therapie und Studien bzw. Forschung zum Tauchen mit Handicap. Ideen kreisen schon durch meinen Kopf.... aber jetzt gehe ich erstmal selbst tauchen. 

 

Bleibt munter und neugierig,

Eure Nicole

Fotos: Moser, Krass

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